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Anamnestische
Risikoeinschätzung
Bei den Risikofaktoren (s. Tabelle 2) ist
zwischen anamnestischen Risikofaktoren (vor allem
vorangegangene Frühgeburten), Faktoren in der jetzigen
Schwangerschaft (z.B. ungünstiger sozialer Status, berufliche
oder familiäre Überlastung), sowie kritischen Befunden im
jetzigen Schwangerschaftsverlauf zu unterscheiden.
Tabelle 2: Anamnestische oder sonstige
Hinweise auf ein erhöhtes Spätabort- oder Frühgeburtsrisiko
1. Vorausgegangene Schwangerschaften
bzw. Operationen
- eine oder mehrere Frühgeburten (< 37+0 SSW)
- ein oder mehrere Spätaborte (= 12+0 SSW)
- zwei oder mehr Abbrüche
- Mehrgebärende mit = 4 Entbindungen
- Konisation
2. Jetzige Schwangerschaft
- ungünstiger sozialer Status
- berufliche und/oder familiäre
Überforderung
- Schwangere unter 18 oder über 34
Jahre
- Mehrlingsschwangerschaft
- Zustand nach Fertilitätstherapie
- Genussmittel- und Drogenmissbrauch
- Parodontitis
3. Befunde im
Schwangerschaftsverlauf
- Scheiden-Zervix-Infektion
- uterine Blutung
- Placenta praevia
- Harnwegwegsinfektion, auch
asymptomatisch
- Polyhydramnion
- vorzeitige Wehentätigkeit
- kritischer Zervixbefund
- Diabetes mellitus (schwere Form)
- ernste organische oder fieberhafte
Erkrankung der Mutter
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Infektionsscreening
Bei jeder Vorstellung der Patientin sollte auf
Anzeichen einer potentiellen (Milieustörung), einer beginnenden
oder bereits fortgeschrittenen Infektion geachtet werden.
Hierzu zählt neben der Anamnese und der klinischen Untersuchung
(Fluor vaginalis, Rötung...) vor allem die Messung des
vaginalen pH-Wertes (s.u.) Eine Erhöhung des pH-Wertes kann
eine sog. Dysbiose, eine Bakterielle Vaginose (BV), seltener
auch eine andere Infektion anzeigen. In der klinischen
Forschung wird die BV teilweise nach Gramfärbung des
Vaginalabstriches entsprechend der Einteilung von Nugent (1991) diagnostiziert.
Für die Praxis sind die Diagnosekriterien nach Amsel (1983) ausreichend und
praktikabler (s. Tabelle 3).
Tabelle 3: Diagnostische Kriterien der
Bakteriellen Vaginose nach Amsel (1983)
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Mindestens drei der folgenden Kriterien müssen erfüllt
sein.
- pH > 4,5 im vaginalen Ausfluss
- homogener, grau-weißlicher, nicht flockiger Fluor
vaginalis
- Amingeruch (evtl. Test mit KOH-durchführen)
- Nachweis von Schlüsselzellen (clue-cells) im
Nativpräparat.
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Kürzlich haben Donders et al. (2002) vermutet, dass die sog.
"Aerobe Vaginitis" noch häufiger als die BV mit Frühgeburten
assoziiert sein könnte. Die Aerobe Vaginitis wird mit aeroben
Mikroorganismen, insbesondere B-Streptokokken und E-Coli
assoziiert. Wie bei der BV ist im vaginalen Sekret eine
verminderte Laktatkonzentration (und damit ein erhöhter
pH-Wert) messbar. Sie führt aber im Vergleich zur BV zu einer
viel deutlicheren Immunantwort mit z.B.
Interleukin-6-Produktion. Hier sind weitere wissenschaftliche
Studien dringend erforderlich.
Die Messung des vaginalen pH-Wertes ergibt
jedoch meist keinen Hinweis auf andere
Infektionen, wie C. trachomatis, N. gonorrhoeae,
B-Streptokokken und Candida. Mit einem ähnlich hohen
Frühgeburtsrisiko wie die BV sind Infektionen mit Chlamydien
verbunden. Auch für Trichomonaden geben einige Autoren ein
ähnlich hohes Risiko an (Trichomonaden sind häufig mit einer BV
assoziiert und erhöhen das FG-Risiko noch zusätzlich),
allerdings sind diese Erkrankungen weniger prävalent. Bei
Verdacht sollte gezielt untersucht werden. Bei Frauen mit
rezidivierenden vaginalen Infektionen kann sich auch die
Erhebung eines Vaginalstatus
empfehlen.
Weiterhin können systemische Infektionen sowie
Harnwegsinfektionen eine Frühgeburt auslösen, weshalb gezielt
nach Symptomen gefragt bzw. untersucht werden sollte.
Pilzinfektionen alleine führen in der Regel nicht zu
Frühgeburten (zur Übersicht verschiedener Infektionen und ihrer
Folgen für Schwangerschaftsverlauf sowie kindliche und
mütterliche Morbidität s. Tabelle im Abschnitt "Allgemeines zu
Fehl- und Frühgeburten").
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Das
Laktobazillen-Schutzsystem
Die menschliche Vagina enthält ein Biosystem, in
dem unter ungestörten Bedingungen ein Gleichgewicht zwischen
Laktobazillen und pathogener Flora besteht. Dieses Biosystem
gewährleistet einen guten Schutz gegen die Ausbreitung und
Aszension von Erregern in die Gebärmutter. Der Zusammenhang
zwischen Laktobazillen und normalem Scheidenmilieu wurde erstmals
von Döderlein
(1892) beschrieben. Reid
(2001) stellte in einem für unsere Belange aufschlussreichen
Übersichtsartikel die Rolle von Laktobazillen bei urogenitalen
Infektionen dar. Wir nehmen an, dass die dort dargestellten
Eigenschaften auch bei der Frühgeburten-Vermeidung relevant sind.
Folgende Eigenschaften von Laktobazillen sind bekannt (s. Abb.
1):
- Sie produzieren Säuren, vor allem
Milchsäure.
- Sie produzieren Wasserstoffperoxyd
(H2O2), welches Sauerstoff freisetzt
(oxydierende und desinfizierende Wirkung). Diese Faktoren,
kombiniert mit
- Bakteriozinen (selbstproduzierten Metaboliten)
hemmen das Wachstum von in der Vagina vorkommenden pathogenen
Organismen.
- Von Laktobazillen selbstproduzierte
Biosurfaktants kleiden die Oberfläche der Vaginawand aus und
behindern dadurch die Adhäsion von pathogenen Organismen.
Laktobazillen produzieren auch Koaggregations-Moleküle, die
die Ausbreitung von pathogenen Organismen blockieren.
Nicht jeder Stamm von Laktobazillen produziert
alle der genannten Faktoren. Daher sind einige Stämme wirksamer
gegenüber spezifischen Infektionen als andere. Z.B. haben Frauen
mit H2O2-produzierenden Laktobazillen ein geringeres Risiko eine
Bakterielle Vaginose zu entwickeln als Frauen, deren
Laktobazillen kein H2O2 produzieren (Hillier et al. 1992a).
Leider gibt es auch einige Mikroorganismen, deren Wachstum nicht
oder nur wenig von Laktobazillen gehemmt wird (z.B. Streptokokken
oder Candida). Trotzdem können wir von der Annahme ausgehen, dass
Laktobazillen den wichtigsten regulierenden Faktor des vaginalen
Milieus darstellen. Die vaginale pH-Messung (s. u.) erlaubt uns
damit - wie durch ein Schlüsselloch - Einblicke in den Zustand
dieses protektiven Biosystems zu erhalten. Bereits Döderlein
(1892) setzte die vaginale pH-Messung zur Unterscheidung zwischen
pathologischem und normalem Scheidensekret ein.
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Abb. 1: Funktionen von Laktobazillen
(modifiziert nach Reid
2001) und schlüssellochartiger diagnostischer Einblick
in dieses protektive Biosystem durch vaginale
pH-Messung
Bitte klicken Sie auf das Miniaturbild.
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Klinische Bedeutung der Laktobazillen
Welche klinische Bedeutung den Laktobazillen und
der Messung vaginaler pH-Werte zuzuordnen ist, zeigen
beispielsweise die folgenden Ergebnisse: Ernest et al. (1989) haben festgestellt,
dass bei mehrfach gemessenem erhöhten vaginalen pH-Wert über 4,5
ein vierfach höheres Risiko für einen vorzeitigen Blasensprung
vor 37+0 SSW besteht, verglichen mit Schwangeren,
die normale pH-Werte aufweisen.
Aus einer anderen, von unserer Mitarbeiterin E.
Schumacher durchgeführten retrospektiven Auswertung geht hervor:
Je früher in der Schwangerschaft die Kinder geboren wurden, um so
häufiger wiesen deren Mütter bei der klinischen Aufnahme erhöhte
vaginale pH-Werte auf. Bei Geburten unter 32+0 SSW
wiesen alle 15 Mütter (100%) erhöhte pH-Werte auf, bei Frühgeburten
zwischen 32+0 SSW und 36+6 SSW
waren es deutlich weniger, aber immer noch rund 60%; bei einer
Entbindung am Termin waren es nur noch 43,5 %
(Schumacher 1999). Daraus ist zu
schließen, dass das Aszensionsgeschehen gerade bei sehr frühen
Frühgeburten besonders häufig eine Rolle zu spielen scheint und
dass sich in vielen dieser Fälle die drohende Frühgeburt durch
Messung erhöhter pH-Werte erfassen lässt.
Hengst und Mitarb.
(1992) verwendeten in einer prospektiven Studie an der
Charité bei erhöhten vaginalen pH-Werten Lactobacillus-Präparate:
Im Kollektiv der Schwangeren mit primär unauffälligem
Schwangerschaftsverlauf, die erhöhte vaginale pH-Werte von
> 4,5 aufwiesen und keine azidierende Therapie erhielten,
betrug die Zahl der untergewichtigen Kinder 15,1% gegenüber 2,0%,
wenn eine ansäuernde Therapie mit Lactobacillus
acidophilus-Präparaten erfolgt war.
Normale Flora – Milieustörung - Infektion
In Anlehnung an einige Ergebnisse in der Literatur
nehmen wir an, dass der Hauptgrund für die überzeugenden
Ergebnisse unseres Programms nicht so sehr die Früherkennung
bereits bestehender Infektionen, vielmehr die Früherkennung von
Infektions-Vorstadien, nämlich von vaginalen Milieustörungen
ist:
- Hillier et al. (1992b) definierten ein
Übergangsstadium zwischen normaler Flora und Bakterieller
Vaginose - vgl. auch Schröder (1921). Dieses Übergangsstadium
stellten sie bei 16% der untersuchten Schwangeren fest; dagegen
hatten 22% der Frauen eine Bakterielle Vaginose und 61% eine
normale Flora. Bei den Frauen, die im 2. Trimenon ein solches
Übergangsstadium aufwiesen, zeigte sich im 3. Trimenon bei ca.
1/3 ein gleichbleibender Befund, ca. 1/3 der Frauen hatte
wieder einen normalen Befund, und ca. 1/3 hatte eine
Bakterielle Vaginose entwickelt.
- In der Studie von Hay et al. (1994) zeigte sich ein erhöhtes
Risiko für einen Schwangerschaftsverlust bereits bei Vorliegen
des Übergansstadiums.
- Viehweg
et al. (1997) berichteten, dass bereits eine
pH-Wert-Erhöhung innerhalb des Normbereiches zu einem erhöhten
Risiko für Frühgeburten führt.
Wir haben die ersten Ergebnisse, die darauf
hinweisen, dass durch die regelmäßigen pH-Messungen bereits die
Milieustörungen erfasst werden und es weniger häufig zu
Bakteriellen Vaginosen kommt: Bei 24 Patientinnen, die wegen
eines erhöhten pH-Wertes ihren Arzt aufsuchten, wurden 33
Diagnosen erhoben (Mehrfachnennungen waren möglich):
- 46% der Patientinnen erhielten die Information,
dass bei ihnen nur eine vaginale Milieustörung vorlag und noch
keine Bakterielle Vaginose.
- Eine Bakterielle Vaginose wurde nur in 4% der
Fälle diagnostiziert.
- Pilze wurden in 33% der Fälle diagnostiziert,
Chlamydien sowie andere Bakterien in je 8%.
Obwohl die Angaben durch die Patientinnen gemacht
und uns nicht direkt von den behandelnden Ärzten übermittelt
wurden und daher mit Vorsicht zu interpretieren sind, besteht
kein Grund, die Ergebnisse im Prinzip in Frage zu stellen.
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Messung des vaginalen pH-Wertes
Die Messung des vaginalen pH-Wertes bildet die
Basisuntersuchung des gesamten
Frühgeburten-Vermeidungsprogramms. Sie sollte sobald wie
möglich in das Routine-Schwangerenvorsorge-Programm sowie in
die Mutterschafts-Richtlinien und in den Mutterpass aufgenommen
werden.
Als normal ist der pH-Wert nach unseren
Untersuchungen bei ungestörtem Schwangerschaftsverlauf
anzusehen, wenn er am Introitus vaginae (ca. 2-3 cm
tief)
- apparativ gemessen < 4.2 oder
mit
- Indikatorpapier = 4.4 beträgt.
Um einheitlich zu verfahren empfiehlt es sich,
grundsätzlich im unteren Scheidenbereich zu messen. In je
höheren Abschnitten man misst - also je näher zum Zervikalkanal
- desto höher können die (dann durch das Zervixsekret
beeinflussten) pH-Werte sein. Im Zervikalkanal selbst, also im
äußeren Muttermund gemessen, liegen bei Frauen mit ungestörtem
Schwangerschaftsverlauf mit ca. 6,5 annähernd neutrale
pH-Verhältnisse vor.
- Zur apparativen Messung
empfiehlt sich z.B. die Benutzung eines kleinen tragbaren
pH-Meters.
- Als Indikatorpapier
empfehlen wir die Testststreifen von Merck (Spezialindikator
pH 4,0-7,0; Art.-Nr. 1.09542), da hierbei das Ablesen
besonders einfach (und im Vergleich zu anderen
Indikatorpapieren farblich am eindeutigsten) ist: Bei
normalem pH-Wert, d.h. = 4,4, färbt sich die Messfläche
gelb.
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Stadieneinteilung und Therapie
Anamnestische Belastung
Ein potentielles Frühgeburtsrisiko (Stadium 1 in Tabelle 1) besteht
bereits bei anamnestischer Belastung. Die am besten geeignete
Gegenmaßnahme stellt hier die präventive Durchführung eines
Frühen Totalen
Muttermund-Verschlusses am Ende des ersten Trimenons
dar.
Psychosoziale Belastungen
Seit Jahrzehnten wird von einer Reihe von
Autoren immer wieder aufs Neue die Ansicht vertreten, dass die
Hauptursache für Frühgeburten soziale Probleme der betreffenden
Schwangeren, wie auch psychischer und physischer Stress seien.
Natürlich gibt es hier gewisse, lange bekannte Zusammenhänge.
"Stress" kann über verschiedene Mechanismen wirken, zum
einen über eine Erhöhung des CRH-Spiegels, aber auch über eine
Schwächung des Immunsystems, welche zur leichteren Anfälligkeit
für Infekte sowohl genitalen als auch nicht genitalen Ursprungs
führt. Nach in unserem Institut durchgeführten Untersuchungen
liegen konkrete Hinweise dafür vor, dass bei Frauen mit
Frühgeburtssymptomatik, von denen 65% belastende
Stresssituationen angegeben hatten, Beeinträchtigungen des
Immunstatus bestehen und dadurch möglicherweise aszendierende
Infektionen begünstigt werden (Brandt-Niebelschütz et al
1995).
Bei entsprechender Ausschöpfung des Mutterschutzgesetzes
kann ein Teil der Schwangeren sowohl vor zu großer physischer
Belastung durch ihre Arbeit geschützt, aber evtl. auch bei
psychischer Belastung entlastet werden (z.B. durch
Krankschreibung, Beratung). Darüber hinausgehende Maßnahmen
sind aufwändig, in Einzelfällen sicherlich indiziert und
erfolgreich, aber allein schon wegen der Sparzwänge kaum
flächendeckend zu realisieren.
Die genauen Zusammenhänge zwischen Stress, beeinträchtigter
Immunität, aszendierenden Infektionen und Frühgeburtlichkeit
sollten noch wesentlich intensiver erforscht werden. Uns
erscheint folgendes Vorgehen für eine breitflächige Prävention
von Frühgeburten am aussichtsreichsten:
- für alle Schwangeren: gezielte Aufklärung und sehr früh
einsetzende präventiv-medizinische Maßnahmen, wie sie in
unserem Frühgeburten-Vermeidungsprogramm enthalten sind,
insbesondere die Teilnahme an der Selbstvorsorge-Aktion für
Schwangere sowie
- bei entsprechender Indikation: intensivierte Betreuung
durch Arzt bzw. Hebamme und ggf. psychologische bzw.
psychosoziale Unterstützung.
Vaginale Milieustörung
Eine starke Ansäuerung, also eine hohe Azidität
im vaginalen Milieu, wie sie normalerweise vorliegen sollte,
geht zwar nicht mit einem ganz sicheren, aber einem doch sehr
wirkungsvollen natürlichen Schutz gegen aszendierende
Infektionen einher. Und je früher im gesamten
Frühgeburtsgeschehen Abweichungen bzw. Störungen in ihren
Frühstadien erkannt werden, um so bessere Chancen bestehen,
geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen und damit Spätaborte und
Frühgeburten zu vermeiden. Der erste wichtige Schritt in der
Routinediagnostik in unserem Frühgeburten-Vermeidungsprogramm
ist daher die Messung des vaginalen pH-Wertes (s.o.).
Ein wichtiges, konkretes Vorstadium der
Gefährdung (Stadium 2 in
Tabelle 1) stellt die Milieustörung in der
Vagina der Schwangeren dar, ohne dass bereits Anhalt
für eine Bakterielle Vaginose oder eine andere vaginale
Infektion bestünde, zumeist erkennbar am Anstieg der pH-Werte
oder an einer "Dysbiose" im Nativpräparat. Dieses Frühstadium
ist das Haupteinsatzgebiet der Selbst-Vorsorge-Aktion für Schwangere
(SVA), und es bietet durch Früherkennung und Frühbehandlung
von Störungen die besten Erfolgsaussichten, Frühgeburten zu
vermeiden.
Therapie: Sofern nur eine Milieustörung der
vaginalen Flora besteht, also:
- der pH-Wert = 4.7 (mit Indikatorstreifen gemessen)
beträgt und/oder im Nativpräparat eine Dybiose erkennbar
ist
- noch keine konkreten Hinweise auf eine bestehende
Infektion (zumeist Bakterielle Vaginose) vorliegen und
- noch keine Frühgeburtssymptomatik (wie vermehrte
Kontraktionen bzw. vorzeitige Wehentätigkeit u./o. kritischer
Zervixbefund) besteht,
ist die alleinige Lactobacillus
acidophilus-Therapie sinnvoll, um wieder normale
Aziditätsverhältnisse in der Scheide zu erreichen. Z.B. zeigen
die Ergebisse von Hengst
et al. (1992) bei Schwangeren mit erhöhten vaginalen
pH-Werten den günstigeren Schwangerschaftsausgang nach einer
Therapie mit Lactobacillus-Präparaten. Wir empfehlen eine
Verordnung von Lactobacillus-Präparaten für 7 Tage. Bei
normalisierten pH-Werten kann dann mit den Gaben langsam
ausgeschlichen werden. Nach unseren Erfahrungen dauert es in
der Regel 2-8 Tage, bis sich die pH-Werte wieder normalisiert
haben. Deshalb kann man bei Risikopatientinnen parallel zur
Lactobacillus-Gabe eine Ansäuerung mit Milchsäurepräparaten
durchführen (z.B. Lactobacillus-Präparat abends und
Milchsäure-Präparat morgens), um sofort ein saures Milieu
herzustellen. Der zusätzliche Nutzen dieser Maßnahme ist im
Bezug auf Frühgeburtenvermeidung allerdings noch nicht durch
gezielte Studien belegt.
Vaginale Infektion
Liegen Hinweise auf eine lokale Infektion in der
Vagina vor, aber besteht noch keine Frühgeburtssymptomatik
(Stadium 3 in Tabelle 1)
ist die Gefährdung bereits konkreter. In diesen Fällen
empfehlen wir:
- Bei Bakterieller Vaginose: lokale
Therapie mit Clindamycin oder Metronidazol
- Bei Nachweis von Chlamydien in
Zervix oder Urethra: bei Schwangeren systemische
Therapie mit Erythromycin 1,5-2 g/Tag (wegen der besseren
Verträglichkeit empfiehlt sich Erythromycin-Succinat)
- Bei Bakteriurie (signifikante
Bakteriurie > 100.000 Erreger/ml): systemische
Antibiotika-Therapie, nach Möglichkeit nach Antibiogramm
- Bei anderen Infektionen: spezifische
Therapie
Falls angezeigt, empfiehlt sich auch eine
Verordnung psychisch und physisch schonender Maßnahmen; hierbei
handelt es sich um einen Versuch, dadurch den Immunstatus zu
verbessern.
Nach jeder lokalen oder systemischen Chemo- bzw.
Antibiotikatherapie empfiehlt sich, falls die vaginalen
pH-Werte ansteigen, eine "Nachkur" mit einem
Lactobacillus-Präparat, um die häufig durch die Therapie in
Mitleidenschaft gezogene Vaginalflora wieder zu normalisieren.
Außerdem sollte eine vaginale Candidose ausgeschlossen
werden.
Die Erfolgschancen sind im Stadium 3 zwar
noch gut, aber im Vergleich zu den vorher genannten Stadien
bereits reduziert.
Problemfall
rezidivierende vaginale Infektionen:
Lokale Desinfektion
Bei rezidivierenden vaginalen
Infektionen, insbesondere Pilzinfektionen und
Bakterieller Vaginose kann eine lokale desinfizierende
Behandlung mit Octenidin besser sein als eine
antibiotische Therapie, da sie die Laktobazillenflora
weniger ungünstig beeinflusst. Eine systemische
Antibiotika-Therapie hat zudem noch den Nachteil, auch
die für Immunfragen wichtige Darmflora zu
beeinträchtigen.
Vaginalstatus
Da Frauen mit
H2O2-produzierenden Laktobazillen
ein geringeres Risiko haben, eine Bakterielle Vaginose
zu entwickeln als Frauen, deren Laktobazillen kein
H2O2 produzieren (Hillier et al.
1992a), kann bei rez. vaginalen Infektionen auch die
Erhebung eines
Vaginalstatus und dann eine entsprechende
spezifische Therapie angezeigt sein.
Impfung
Als prophylaktische Maßnahme,
insbesondere bei rezidivierenden bakteriellen
Vaginosen, kommt auch eine Impfung mit Gynatren® bzw.
Solco-Trichovac® in Frage (z.B. Rüttgers 1988, Sibulet
1991). Der Impfstoff richtet sich gegen abnorme
Laktobazillenstämme und beeinträchtigt die
physiologische Laktobazillenflora nicht, sondern führt
im Gegenteil meist zu einer Erholung der
physiologischen Flora. Wir konnten damit bei
zahlreichen Frauen eine deutliche Abnahme der
Rezidivhäufigkeit erzielen - einige Frauen scheinen auf
die Impfung allerdings nicht befriedigend anzusprechen
(vgl. auch Rüttgers 1988). Die Impfung sollte nur vor
der (nächsten) Schwangerschaft durchgeführt werden, da
bislang keine ausreichende Erfahrung über eine
Anwendung in der Schwangerschaft vorliegt. Außerdem
werden die Kosten in der Regel nicht von den Kassen
getragen.
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Frühgeburtssymptomatik
Besteht bereits Frühgeburtssymptomatik (Stadium 4 in Tabelle 1) in Form von:
- vermehrten Kontraktionen bzw. vorzeitigen
Wehen
- und/oder eines kritischen Zervixbefundes
- und/oder bestehen Anzeichen einer Infektion
(entweder können mikroskopisch oder kulturell im Genitaltrakt
reichlich pathogene Erreger nachgewiesen werden oder wenn
andere Infektionsparameter wie CRP, fFN etc. positiv
ausfallen)
dann sollte eine kalkulierte
antibiotische Breitband-Therapie, z. B. Clindamycin
oral oder - bei bekannten Erregern - eine gezielte
antibiotische Therapie nach dem Antibiogramm durchgeführt
werden. Außerdem empfiehlt sich die Verordnung psychisch und
physisch schonender Maßnahmen. In Anschluss an die
chemotherapeutische oder antibiotische Therapie sollte ggf.
eine "Nachkur" mit einem Laktobacillus-Präparat erfolgen
(s.o.).
Die Einweisung zur stationären
Behandlung dürfte in der Mehrzahl dieser Fälle
dringend indiziert sein. Die Chancen, Frühgeburten zu
vermeiden, nehmen nun aber laufend ab.
Hauptsächlich in dieses Spätstadium des
Frühgeburtsentstehungsprozesses gehören die immunologischen und
biochemischen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen,
über die seit einigen Jahren so viel berichtet wird. Aus dieser
Feststellung lässt sich auch folgern, dass die meisten hierauf
beruhenden Maßnahmen zur Vermeidung von Frühgeburten spät, oft
zu spät, erfolgen.
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Einlegeblatt für den
Mutterpass
Um den Einsatz, besonders des diagnostischen
Teiles des Programms, in der frauenärztlichen Praxis zu
erleichtern, haben wir für interessierte Kolleginnen und
Kollegen ein Einlageblatt für den Mutterpass entwickelt, das
Sie sich gerne ausdrucken und verwenden können.
Tabelle 4: Einlegeblatt für den
Mutterpass als PDF-Datei (Adobe Reader benötigt)

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Literatur:
- Amsel R, Totten PA,
Spiegel CA, Chen KCS, Eschenbach D, Holmes
KK (1983) Nonspecific vaginitis. Am J Med 74:
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Definition of a type of abnormal vaginal flora that is
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Schreiber M: Vermeidung sehr früher Frühgeburten -
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Weitere Literatur zum
Thema Frühgeburt und Frühgeburtenvermeidung
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